Der Halbwilde…

…hiess eine Persiflage von Helmut Qualtinger und Gerhard Bronner auf die Wiener Variante des Halbstarken

Die Halbstarken wurden landläufig in oft liebloser Absicht auch Schlurfs genannt, in Anlehnung an eine Jugendbewegung, welche sich schon in den 40er Jahren mit amerikanischer Swing-Musik, unangepaßten Haarschnitten, ihrer „Herumhängerei“ und ihren überweiten Anzügen mit den Ordnungsvorstellungen der Nazi-Schergen angelegt hatte. Weshalb „Schlurf“ auch zur stolzen Eigenbezeichnung wurde.

Qualtinger/Bronner (eine CD mit dem Lied ist hier erhältlich) sahen in der aufmüpfigen wiener Jugend der 50er Jahre wohl weniger gesellschaftspolitisches Potential als sie einen beleibten jungen Mann besangen, der von Marlon Brando´s Kinofilm Der Wilde (1953) aufgestachelt wurde, aber über eine halbwilde Version von ihm nicht hinauskam. 

Es war vorerst ein weitgehend sprachloses Aufbegehren vieler Jugendlichen gegen den spiessigen Mief der 50er Jahre, den „Moral“-Vorstellungen der Kriegsgeneration, ihrer Erziehung die ausschließlich auf Bravsein, Hackeln und Kuschen abzielte und nicht selten auf Gewalt beruhte.

Die Sprachlosigkeit der Nachkriegsjugend wurde im Film Rebel without a cause mit James Dean thematisiert. Die jungen Leute rebellieren ohne so richtig zu wissen wofür oder wogegen – das hat aber gereicht, um Eltern, Lehrern, Pfarrern und Polizisten Angstschweiss auf die Stirn zu treiben.

In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre bekamen sie endlich den passenden Soundtrack in Form des Rock´n´Roll aus den USA dazu. Damals schien noch alles was aus Amerika kam irgendwie mit Freiheit zu tun zu haben. Ungeachtet dessen, dass die schwarzen Väter und Mütter des Rock´n´Roll dort massiv unterdrückt wurden und US-Jugendliche offenbar ähnliche Gründe hatten aus der Reihe zu tanzen wie ihre mitteleuropäischen AltersgenossInnen.

Es ist interessant aber auch unerschöpflich darüber zu diskutieren mit wem, womit und wann genau es mit dem Rock´n´Roll angefangen hat. Schwarze MusikerInnen konnten mit gewissem Recht behaupten, dass sie das, was später Rock´n´Roll genannt wurde, in wesentlichen Bestandteilen schon seit den vierziger Jahren vorweggenommen hatten. Und es gab schon in den frühen 1950er weisse Musiker (Bill Haley z.B.), die in den Gewässern des Rythm´n´Blues gefischt bzw. diesen mit Country-Elementen verknüpft hatten. Es gab auch den umgekehrten Weg: Chuck Berry beispielweise begann seine professionelle Karriere als Country-Musiker, wobei er unvermeidbar auch seine Blues-Einflüsse mitbrachte.

Dabei macht es auch einen Unterschied ob das Thema aus US-amerikanischer oder europäischer Perspektive betrachtet wird. Als John Lennon sagte: „Before Elvis there was nothing“, dann war dies aus seiner Sicht – und der von Millionen anderen nicht-amerikanischen Jugendlichen – unbestreitbar richtig. Aber auch für viele amerikanische Jugendliche, die auf Grund der plötzlichen Öffentlichkeit die Rythm´n´Blues/Rock´n´Roll/Rockabilly genoss, erstmals mit dieser Subkultur in Berührung kamen.

Sicher kann auch gesagt werden, dass es immer wieder eine Mischung von sogenannter „schwarzer“ und „weißer“ Musik war, Rythm&Blues und Country, die den Reiz dabei ausgemacht und die Massen über „Rassen“schranken, Landesgrenzen und Kontinente hinweg bewegt hat. Und damit ebendiese „Rassen“schranken auch und gerade in den USA nachhaltig in Frage gestellt wurden.

Das Jahr des kommerziellen Durchbruchs läßt sich relativ genau mit 1956 festlegen. Shuffle-Rythmus, Blues-Form, Gitarre mit viel „twang“, „Schluck-auf“-Gesang, Slap-Bass (eine Spieltechnik auf dem Kontrabass) und das markante Slapback-Echo, ein früher Studioeffekt, wurden zu den Standardingredenzien für einen guten Rock-Song.

Little Richard bearbeitet ein Klavier

Sicher ist auch, dass neben Elvis Presley, Chuck Berry, Jerry Lee Lewis, Little Richard, Gene Vincent, Fats Domino, später Eddie Cochran, v.a. Bill Haley zu den prägensten und in unseren Breiten bekanntesten Namen wurde. Das liegt v.a. daran, dass Bill Haley der erste dieser großen Namen war, die mitteleuropäische Veranstaltungssäle füllten. Das zu einem Zeitpunkt als die erste Welle des rauen Rockabilly und Rock´n´Roll in den USA schon abgeflaut und in den Charts durch harmlosere, weniger aggressive, sexuelle und rebellische Varianten ersetzt worden waren. Bill Haley und seine Comets waren daher nicht wenig überrascht, als die veränderungdurstige und lebenshungrige Jugend in Europa ihre Musik offenkundig als Aufforderung zu Ausschreitungen empfunden hatte. Und die Obrigkeit hat sich von dieser Musik ebenso provoziert gefühlt und meinte hart antworten zu müssen. Die Musikindustrie in Österreich und Deutschland reagierte zerknirscht darauf, in dem sie dem Markt ein paar weichgespülte Schlager-Elvise in deutscher Sprache vorwarf, in der Hoffnung, dass dem richtigen Rock´n´Roll schon irgendwann die Luft ausgehen würde.

Der Begriff Rockabilly ist ursprünglich mit dem ländlichen Süden der USA, und da v.a. Memphis, Tennessee und dem dortigen „Sun“-Label verknüpft und war ursprünglich der Versuch von ein paar „Hillbillies“ den Rythm´n´Blues in minimaler Bandbesetzung mit klassischen Country-Instrumenten bzw. Spieltechniken nachzuspielen.

Nachdem der Begriff Rock´n´Roll ab den späten 60er Jahren immer beliebiger verwendet wurde, schien Rockabilly eindeutiger und als Stil klarer abgrenzbar. In diversen Revival-Wellen, v.a. in den 80er Jahren und frühen 90ern wurden dabei die alten Hadern mit ihrer einfach verständlichen, direkten Energie immer wieder neuentdeckt, wenn auch in verschiedenster Form neuinterpretiert bzw. mit den jeweils aktuellen Stilen wie Punk, New Wave, Southern Rock etc… vermischt (Neo-Rockabilly, Psychobilly).

Gene Vincent & his Blue Caps

Die Situation für Rockabilly-Musik, der „Szene“ ihrer LiebhaberInnen und ihrer InterpretInnen war in unseren Breiten definitiv schon mal besser als heute.

Sicher ist aber, dass der Rock´n´Roll trotz immer wieder kehrenden gegenteiligen Behauptungen einfach nicht tot zu kriegen ist. Und dass sich immer wieder 3 bis 5 Burschen oder Mädels finden, die mit der Kenntnis von 3 Akkorden einen Song mit „Well…“ beginnen werden.

Wenn wir unsere Seite also „Halbwild“ nennen, dann gehört da natürlich ein bissl Augenzwinkern dazu. Da ist nicht alles so bierernst wie es vielleicht klingt.

Aber doch nehmen wir unsere Musik ernst genug um zu meinen, dass sie leben muss und ihre Daseinsberechtigung hat. Unsere heutige Gesellschaft bringt immer wieder eine erschreckende Gleichförmigkeit, Ängstlichkeit, Lebensunlust hervor und einen Konformitätsdruck, der oft größer ist als in den Jahrzehnten davor. Was irgendwie an die grauen Tage erinnert, in denen der Rock´n´Roll zum ersten Farbstreifen am Horizont wurde. Dazu eine Kulturindustrie, die es Jahr um Jahr in erstaunlicher Weise schafft das musikalische Niveau des Vorjahres noch zu unterbieten, sodass unsere doch recht einfach gestrickte Musik dagegen wie Hochkultur erscheinen muss.

Also: Well…

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