Dr. Albert Pressler´s Therapiesitzungen (2)

Immer wieder wenden sich Rockabilly-MusikerInnen hilfesuchend an mich. Zuletzt scheint dies häufiger der Fall zu sein. Dabei leiden viele meines Standes ebenso häufig unter seelischen Qualen. Aber das ist eine andere Geschichte.

(Bild: Lucky Luke, Die Daltons und der Psychodoc, bedetheque.com)

2.Sitzung.

Die Digitalisierung: ein massiverer Impact als die vorangegangenen technologischen Entwicklungen.

Als das Internet aufkam, hatte es zuerst kaum (negative) Auswirkungen auf Subkulturen, es brachte mit den vielen Möglichkeiten illegaler Downloads vielmehr das „große“ Mainstream-Musikbusiness in Bedrängnis.

Zuerst brachte das Internet unglaublich positive Möglichkeiten für LiebhaberInnen spezieller Musikrichtungen. Es war nunmehr möglich ohne großen Aufwand die obskursten Aufnahmen und Bands kennen zu lernen, mit anderen LiebhaberInnen in aller Welt in Austausch zu treten, Bands aus anderen Ländern zu buchen oder Veranstaltungen in anderen Ländern kennen zu lernen.

Das Imperium schlägt zurück

Die Unterhaltungsindustrie bzw. die aufstrebenden Internetriesen reagierten mit Monopolisierung im Internet. Als diese weitgehend durchgesetzt war, vollendeten sie die völlige Verlagerung des Musikverkaufs von physischen Tonträgern hin zu Download- und Streamingplattformen. In diesen kann der Musikgeschmack der Menschen mit Algorithmen gesteuert werden. Über die Plattformen wird zwar millionenfach Musik gehört, für die Musikschaffenden selbst springt dabei aber nichts raus – außer dem Gefühl theoretisch weltweit gehört werden zu können.

Das Phänomen Musikschaffenden Einnahmen aus ihrer Musik vorzuenthalten ist nicht neu. Schon in den 50er Jahren war es Gang und Gäbe Musiker um ihre Tantiemen zu bescheissen, als Gegenleistung dafür überhaupt im Radio gespielt zu werden. Rund um DJ Alan Freed wurde das medial gar zum großen Skandal inszeniert (auch wenn es dabei nicht wirklich um die Musikerinteressen sondern vielmehr um die Diffamierung des RocknRoll an und für sich ging). Das neue ist also nicht die Ausbeutung von MusikerInnen. Sehr wohl neu ist aber das Ausmaß und vor allem die Selbstverständlichkeit mit der das heute geschieht.

Das „user-Verhalten“ wird erfunden, verändert und gesteuert

Interessanterweise waren es nicht Internet-Diskussions-Foren oder Informations-Plattformen welche Fanzines bzw. Fachzeitschriften verdrängten, sondern erst die massenhafte Verbreitung von Smartphones in Kombination mit social-media. Und die damit zusammenhängende Veränderung des KonsumentInnen-Verhaltens. Statt sich selbstätig für Homepages von Bands, Festivals oder Fanzines zu interessieren wird nunmehr ausschließlich auf ein Piepsen des Handys reagiert.

Videoplattformen und Downloads setzten die realen Tonträger und ihre Verkaufsstellen schon vor der Erfindung des Smartphones unter Druck, das große Plattenladensterben hatte aber schon lange davor stattgefunden, und scheint nunmehr tatsächlich gestoppt zu sein.

Im Moment ist wieder ein klarer – wenn auch im historischen Vergleich vernachlässigbarer – Trend zu physischen Tonträgern hin zu bemerken, dieser kommt aber bei den kleinen Bands, Newcomern, Nischen-Stilen nicht wirklich an. Zumal diese die Produktionskosten teilweise oder gänzlich selbst tragen müssen. O-Ton eines Plattenverkäufers: „Die jungen Leute kaufen wieder mehr Platten und entdecken da auch die alten Rocker für sich. Die graben sich in den Jahrzehnten rückwärts. Jetzt stehen wir da ungefähr bei den 70er Jahren. Das Weihnachtsgeschäft geht bei Vinyl-Neuveröffentlichungen auch nicht schlecht. Wenn sie dann aber im Geschäft stehen und zwischen der neuen Nick-Cave-Platte und einer bislang unbekannten Band entscheiden müssen, werden sie immer Nick Cave wählen.“ Was es für Herrn Cave ziemlich einfach macht auch mit musikalischer B-Ware und trotz Corona Geld zu scheffeln, während der Rest der Musikschaffenden einen Job als Nachtwächter annimmt.

Wir müssen insgesamt feststellen, dass lokalen bzw. regionalen Musikszenen auf Dauer die Grundlagen entzogen worden sind. Das gilt für ein kleines und Rock´n´Roll-mässig traditionell unterentwickeltes Land wie Österreich noch mehr als für andere.

Glücklicherweise ist Rockabilly – wenn man sich nicht Fehltritte in den Bereich des Schlagers/Austropop erlaubt – eine internationale Musik. Große Festivals bedienten manche Bedürfnisse und brachten Bands Auftrittsmöglichkeiten, als es hierzulande bergab ging. Mittlerweile sind diese Festivals musikalisch eher geschlossene Gesellschaften geworden, die EUphorie ist ein wenig verflogen. Die Veranstalter großer Events setzen zunehmend fast ausschließlich auf bereits auf anderen Großevents bewährte Acts.

Nachhaltig positive Effekte auf die lokale Szene hat es leider kaum, wenn mal eine wiener Band „international spielt“. D.h. Neben Großevents bräuchte es einfach auch eine Vielzahl von mittleren und kleineren Veranstaltungen damit eine lokale Musikszene existieren kann. Was uns zumindest in Wien fehlt und im weiteren Umland auch eher Mangelware ist. Alte Hasen berichten zwar, dass Szene-Inzest in unseren Breiten schon seit jeher Gang und Gäbe war, der Trend zu noch kleineren und geschlosseneren Kreisläufen wird offenkundig durch Socialmedia-Bubbleblasen noch verstärkt.

Halten wir fest: Heute sehen wir, wie sich die digitalen Verdrängungs-Prozesse vollenden, und das Phänomen beschränkt sich nicht auf Österreich. Rock´n´Roll- und Rockabilly-Fachzeitschriften stellen nach der Reihe ihr Erscheinen ein, und damit geht auch ein wesentlicher Bestandteil der Rockabilly-Subkultur. Einschlägige Lokale, Clubs und andere „Stützpunkte“ gibt es in vielen Landstrichen (wie dem hiesigen) ohnedies schon lang nicht mehr.

„You´ll never miss your baby, ´til she says goodbye“ ?

Denken Sie darüber nach empfiehlt Ihr Dr. Albert Pressler, und: Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung, wie mein Freund Heraklit zu sagen pflegte.

(Albert)

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