Dr. Albert Pressler´s Therapiesitzungen (3)

Immer wieder wenden sich Rockabilly-MusikerInnen hilfesuchend an mich. Zuletzt scheint dies häufiger der Fall zu sein.

(Bild: neuebuergerzeitung.de)

3.Sitzung

Die Musik verändert sich

Auch wenn es unangenehm ist, müssen wir noch einmal kurz zusammenfassen. Die Verheißung war groß – begonnen hat das so richtig vor 10 Jahren -, sich mittels Social-Media vermeintlich direkt an „das“ Publikum richten zu können, und daher nicht mehr auf herkömmliche Werbung wie Zeitschriften, Radio, Plakat, Flyer etc. angewiesen zu sein. Die Hauptarbeit der Musiker bestand nunmehr nicht im Proben oder Songwriting sondern im täglichen Füttern von social-media-Kanälen. In Konkurrenz mit Millionen anderen sinnbefreiten Inhalten. Mal ehrlich: Die (gratis) Musik wurde klanglich nicht nur auf ein müdes Gewimmer in Minilautsprechern sondern auf ein Sekundenbruchteil langes Bildchen-Spektakel reduziert. Wer dem Wettkampf um die Eichhörnchen-Aufmerksamkeitsspanne nicht standhält hat schon verloren. Trauriger Höhepunkt: Übertragungen in schlechter Qualität aus Wohnzimmern oder Küchen werden zu Pandemie-Zeiten als „Online-Konzerte“ verkauft. Duckface statt Hüftschwung.

Wir müssen dabei auch noch einmal festhalten, dass nicht die Nutzung digitaler Technik oder Kommunikation an und für sich das Problem ist, sondern v.a. die Ausschließlichkeit mit der Algorithmen und bestimmte Kommunikationsformate die Musikverbreitung und Kommunikation unter Musikinteressierten/schaffenden mehr und mehr fremd bestimmen. Und definitiv falsch ist es, wie sich manche Musiker*innen ausschließlich auf die Verbreitung durch diverse soziale Medien verlassen haben und damit unsere Musik letztlich völlig den Mode-Entscheidungen im Silicon Valley ausgeliefert haben.

Kommerz? Nona!

Rockabilly ist Unterhaltungsmusik. Soviel ist klar. Und Geld für´s Musik machen zu bekommen ist nicht nur legitim sondern sollte sogar selbstverständlich sein. Unter dem wachsenden Druck mit den vielen anderen bunten Bildchen mithalten zu müssen rückte die Musik aber immer weiter weg vom Fokus. Auch wurden damit reale Netzwerke, Treffpunkte und Schnittstellen – offensichtlich nur scheinbar- überflüssig gemacht. Auch wenn manche Rockabilly-Musiker*innen dachten, die Konkurrenz fände untereinander statt (ein in Wien besonders ausgeprägtes Phänomen), so muss sich vielmehr der Rockabilly als Ganzes gegen einer zunehmende Kommerzialisierung, Verflachung und Verdummung der Musiklandschaft behaupten. Wahrlich setzt der Rockabilly als Musik nicht unbedingt einen Professor-Titel (den ich selbstverständlich inne habe) voraus um verstanden zu werden. Aber es geht immer noch ein bissl flacher und flutschiger. Ein bisschen mehr „sex-sells“, ein bisschen mehr deutscher Schlager/Austropopo, ein bisschen musikalisches „Weniger-ist-mehr“ oder „Was-auch-immer“, ein bisschen mehr Nachhecheln hinter vermeintlich hippen Trends…

Von den 50ern bis zu den 90er Jahren war es immer irgendwie cool in einer Band zu sein oder gar vor Leuten aufzutreten, die Jugendzimmer wurden mit Bildern gitarreschwingender Heros verziert und es gehörte zum guten Ton eine Hifi-Anlage (egal wie billig die in der Anschaffung auch war) und eine kleine Plattensammlung (Kassetten/CD) zu Hause zu haben. Ab den 2000ern haben die traditionellen Medien wie Radio und Fernsehen versucht, mit den aufkommenden neuen digitalen Medien mitzuhalten. Radio-DJs wurden zunehmend durch Abspielmaschinen ersetzt, die nur mit dem gefüttert wurden was angeblich gerade verkaufbar war. Und das Fernsehen gab der breiten KonsumentInnenschaft den Eindruck, das Teilnehmen an einem Format wie einer Ausscheidungs-Shows (Casting-shows) wäre die einzige mögliche Form der öffentlichen musikalischen Darbietung. Auch wenn sich dort die MusikerInnen von einem Dieter Bohlen demütigen oder einer anderen (sonst) arbeitslosen Show-Pappnase „beurteilen“ lassen müssen.

Trotzdem bleibt da dieses Bedürfnis nach dem echten Leben. Und Rockabilly-Musik kann immer noch ein paar fesche Scheiben zum Soundtrack für dieses echte Leben beisteuern.

Das Problem ist nicht der kommerzielle Erfolg als solches oder gar die Popularität einer Musikrichtung. Die würden unserer Musik wieder mal recht gut tun. Das Problem ist, dass eine Subkultur nach einer Phase zeitweiligen kommerziellen Erfolgs meist ausgesaugt liegen gelassen wird, sobald es andere noch einfacher zu vermarktende Kulturprodukte gibt. Dessen müssen sich die beteiligten Musiker*innen bewußt sein, und dafür Sorge tragen, dass es Strukturen, Verbreitungs- und Bewerbungsformen gibt, die auch das Ende einer Hype-Welle überleben. Außerdem: Der kommerzielle Erfolg – so vorhanden – kam in den letzten (noch fetteren) Jahren kaum noch bei den Musiker*innen selbst an. Ein großer Unterschied zu den Jahrzehnten davor. Trotz des Versprechens der 2000er Jahre, das Internet würde dafür sorgen, dass sich Musiker*innen nunmehr selbst vermarkten können. Da hat´s ja was, oder?

Manche Musiker*innen fragen sich nun, muss ich mich denn nicht immer zum Clown machen, wenn ich Aufmerksamkeit möchte? Ja wollen wir denn, dass die Clowns – eine respektable Berufsgruppe im Übrigen – auch noch ihre Jobs verlieren?

Denken Sie darüber nach empfiehlt Ihr Dr. Albert Pressler, und: „when things go wrong don’t go with them“ wie mein entfernter Cousin Elvis Presley zu sagen pflegte.

Und nun – zur Beruhigung – ein buntes bewegtes Bildchen:

„You ain´t nothin´ but a hound dog…“

(Bild: tiergif.blogspot.com)

(Albert)

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