Der Rockabilly -Shuffle

Wegen seiner plakativen Darbietung für viele Musiker*innen ein Vorbild in Sachen Groove: Cab Calloway (Bild: knownpeople.net)
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Beschäftigen wir uns wieder mal mit Musik im engeren Sinn, mit dem speziellen Sound des Rockabilly und Rock´n´Roll. Diesmal aus rhythmischer Sicht bzw. was die Arrangements, das Verhältnis der einzelnen Instrumente einer Band zueinander betrifft. 

Das soll keine trockene musiktheoretische Abhandlung werden. Ich bin – wie im Übrigen die meisten originalen Rockabilly-Musiker der 50er auch – selber nur Autodidakt ohne nennenswerte musikalische Ausbildung. Aber ein paar Grundbegriffe sollten wohl oder übel mal geklärt werden bevor zur Tat geschritten wird.

Wenn zu einem Musikstück gesagt wird: das „shuffled“, das „swingt“ oder das „grooved“, dann werden diese Begriffe in der Praxis und Theorie unterschiedlich verwendet, bedeuten aber im Endeffekt immer das Gleiche. Der für manche Vertreter der traditionell klassischen Schule oder für musikalische Laien häufig unerklärliche drive, der v.a. der Musik mit afroamerikanischen Wurzeln wie Blues, Jazz, Rythm´n´Blues und in deren Folge Western Swing, Rock´n´Roll und Rockabilly inne wohnt. 

Wir finden ähnliche Phänomene auch in manchen europäischen Musikformen, hier v.a. in der osteuropäischen Musik (Klezmer z.B.), der Balkanmusik, dem Gypsy-Swing u.a. Und natürlich in traditioneller west-afrikanischer Musik, wo ein wichtiger Teil der US-amerikanischen Musik seine ursprünglichen Wurzeln hat.

Die einfachste Erklärung für den Shuffle ist – nona – die dynamische Betonung des Rhythmus (bei einem 4/4-Takt) auf 2 und 4, meist durch den backbeat der Snare-Drum. Aber das ist nicht mal die halbe Miete.

Lange galt das Shufflen als das Geheimnis, das von echten Menschen vorgetragene Musik unterscheidet von jener, die durch einen musikalisch kleingeistigen Informatiker programmiert wurde. Mittlerweile wurde der „code“ auf rein technischer Ebene längst geknackt und wird ausgiebig für computergenerierte Beats z.B. im Hip-Hop eingesetzt.  

Das Variieren von Rhythmen in einem Stück, vor allem aber das gegenseitige Beeinflussen – die Resonanz – zwischen den Musikern bzw. diesen und dem Publikum oder Tanzenden lassen sich freilich noch immer nicht programmieren sondern – wenn überhaupt – bestenfalls simulieren.

Auf wikipedia findet sich ein sehr brauchbarer Beitrag zu dem Thema nicht unter dem Begriff „shuffle“ sondern unter „Swing (Rhythmus)“.  

Ich werde versuchen diesen so weit wie möglich auf eine Alltagssprache und eine klassische Rock´n´Roll-Besetzung zu übertragen bzw. mit Besonderheiten des Rockabilly zu ergänzen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Wobei klar wird, dass es letztlich unzählige Varianten und Kombinationsmöglichkeiten gibt.

Wer tut was wann?

Üblicherweise hat eine Band – zumindest in der Theorie – eine Rhythmusgruppe, bestehend aus einem (Kontra)Bass, einer Rhythmusgitarre (Schlaggitarre) und einem Schlagzeug. Sie geben einen möglichst exakten Beat vor. Den anderen Part übernimmt dann der Gesang und die Leadgitarre: sie ziehen durch vorschnelle Synkopen vorne weg oder „bremsen“ durch verzögerte Synkopen, während die Rhythmusgruppe unerbittlich weitertaktet. Dabei spielen aber beide Parts im gleichen Tempo, nicht einer schneller oder langsamer. Nur ein ganz klein wenig zeitversetzt.

Die Überlagerung der Rhythmen ergibt eine Art langgestreckte „eiernde“ Schwebung. 

Die Kunst einer Melodiegruppe (Blasinstrumente, Klavier, E-Gitarre, Gesang…) besteht darin, dass diese ihren eigenen Rhythmus beibehält und sich nicht an das Taktmuster der Rhythmusgruppe annähert.

Jetzt kann diese Arbeitsteilung auch ganz anders vergeben werden. Im Rockabilly gibt- wie im Rythm´n´Blues – meist ein walking bass („fließender Lauf“ des Bass) den Beat vor, die anderen Instrumente synkopieren. Ein Leadinstrument/Stimme kann einmal vor, einmal nach dem Beat synkopieren, einmal genau draufsitzen. Die snare-drum spielt dann in der Regel einen klein wenig verzögerten backbeat.

Will Dixon, einer der großen Meister des Bass-Spieles. Auch ein Erklärmeister, der es auf den Punkt brachte. (Bild: ticosydecibelios.com)
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Der Bass kann manchmal auch hinter die Gesangsstimme zurückfallen und damit einen eigenen „Schlurf“ bewirken. 

Es ist natürlich eine Definitionssache wer die 0-Linie darstellt, den Beat. Wenn wir mal festlegen, dass es der Bass ist, dann kann nun eine vorgelehnt spielende Rythmusgitarre oder eine treibende Snare eingebaut (train-beat oder New-Orleans-beat) werden, wodurch der Song aufgeregter und gehetzter wirkt. 

Der Bass kann ebenso jede Phrase mit einer vorgezogenen Synkope scheinbar antreiben, während er den Rest des Stückes eher laid back (zurückhaltend, Nachschlag) oder genau am Beat spielt (tight = eng oder straight = gerade). Ähnlich kann die Rhythmusgitarre mit Zwischenschlägen oder mit einer kleinen Verzögerung den Gesamtcharakter des Songs verändern. 

Gerade die Leadgitarre bedarf nicht nur wegen den bekannten Akzentuierungen und Phrasierungen sehr viel Rhythmusgefühl (was manche angehende E-Gitarrist*innen vernachlässigen), vielmehr kommt sie beim Rockabilly sowohl beim Daumenspiel des Finger-Pickings als auch beim Spielen von wiederholten Riffs bzw. Läufen auf den Bassaiten als Beatgeber zum Einsatz.

Bei geraden Gitarrenläufen – wo also auch die E-Gitarre der Beat-geber ist (bekanntes Beispiel: Scotty Moore auf Elvis „Jailhouse Rock“)- muss dann entweder der Bass und die Schlagitarre mehr zurückfallen oder/und das Schlagzeug einspringen um z.B. mit einem deutlich synkopierten Snare-Zwischenschlag wieder swing-feel herzustellen, damit der Song nicht zu mechanisch daherkommt (z.B. Ricky Nelson´s „Believe What You Say“- wobei im konkreten Beispiel auch Bass und E-Gitarre im Wechselspiel mit einer gerade gespielten Rhythmusgitarre zum besonderen drive der Nummer beitragen).

Wer auch mit dem Fuss spielt shufflet zwangsläufig: Jerry Lee Lewis. (Bild: bloginroll.blogspot.com)
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Was, Du machst zwei Sachen zugleich?

Rock´n´Roll-Stücke bei denen das Klavier nicht nur begleitet sondern den Ton angibt, müssen natürlich anders arrangiert werden. Die linke Klavier-Hand spielt meist den Basslauf (Beat) und die rechte Hand synkopiert. Je schneller gespielt wird, desto knapper rutscht die Synkope an den Beat heran (schnelle Songs von Jerry Lee Lewis z.B.). Gegenbeispiel wäre Fats Domino, der seine rechte Hand ziemlich schleppen ließ, wobei behauptet wurde, die schweren Ringe an seinen Fingern wären schuld daran.

Synkopen können aber auch bei langsameren Nummern mal näher an den Grund-Beat heranrücken oder weiter davon entfernt werden, dadurch wird die Nummer mal „rocknroll-iger“ mal „blues-iger“. Bei den sogenannten „Stroll“ Nummern der späten 50er Jahre, also langsam oder midtempo gespielte RocknRoll-Nummern, kommt diese Methode besonders deutlich zum Einsatz um bei eigentlich sehr einfach gestrickten Songs ein besonderes Feeling zu erzeugen. Hier darf von der Rythmusgruppe entweder nicht zu sehr geschleppt werden („Kansas City“ von Wilbert Harrison oder „Big Town“ von Ronnie Self), während bei anderen Songs („the Stroll“ von den Diamonds z.B.) wieder ein sehr schleppender Back-Beat vom Schlagzeug zu hören ist.

Die jeweiligen Klavier-Hände können auf andere Instrumente aufgeteilt oder von diesen gedoppelt werden. Der Basslauf wandert nun zum Bass oder zur Leadgitarre, die rechte Hand wird z.B. von der Rhythmusgitarre übernommen.

Sänger oder die Sängerinnen, die ein Instrument spielen, müssen auch zwei Rhythmen zugleich spielen können. Der/die Sänger*in synkopiert mit der Stimme spielt aber den Rhythmus stur mit der Gitarre mit. Oder umgekehrt. 

Gerade die neben „Smoke on the water“ weltweit am häufigst gespielten Gitarre-Riffs, nämlich jene mit denen sich Chuck Berry beim Singen begleitet hat, sind tiefgründiger als sie auf den ersten Blick aussehen. Der Gitarrist muss sich durch Akzentuierung einzelner Töne praktisch „selbst shufflen“.

Chuck Berry kombiniert sein Fingerspiel mit einem eigentümlichen Tanz, dem duck walk. Seine Bewegungen stellen ganz gut den kurzen Shuffle in seiner Musik dar. (Bild: artspecialday.com)
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Nicht zuletzt: natürlich das Schlagzeug. Geübte Schlagzeuger*innen können ganz alleine den Swing-Effekt erzeugen: eine Hand spielt exakt den Beat und die andere Hand spielt laid back oder auch in front (vorwärts, Vorschlag). Üblicherweise spielt die eine Hand die Snare, die andere ein Becken oder die Hi-Hat. Natürlich kommt auch die Bass-Drum als Taktgeber zum Einsatz. Der Bass orientiert sich in der Regel am Schlagzeug.

Das Schlagzeug wird in der sogenannten Rockabilly-Ur-Besetzung manchmal weggelassen, dafür übernimmt der Bass zum Grundton zusätzliche Synkopen indem slaps („Schnaltzer“) gespielt werden.

Das bringt besonders bei gesplappten Songs oft eine Umkehr des Verhältnisses von Schlagzeug und Bass mit sich, wenn dann doch mit Drums gespielt wird. Dann orientiert sich eher der Schlagzeuger am Bass als umgekehrt.

Das Echo echot

Eine Besonderheit der Rockabilly-Musik gegenüber ihrer auch „swingy“ gespielten Stilgeschwister ist der massive Einsatz des Soundeffekts „Slapback-Echo“. Ein kurz auf den Ton folgendes Echo auf der Stimme, der Leadgitarre oder überhaupt auf der ganzen Band erzeugt dauernd zusätzliche künstliche Synkopen. Hier entscheidet der Tonmeister oder der voreingestellte maschinelle Soundeffekt über den Charakter des Swing-Feels, in dem die Nachhallzeit bzw. der Abstand des Echos zum Grundton variiert wird. 

Dieser Effekt wurde später oft mit Double-, Triple-, und noch mehr Slaps auf dem Bass imitiert bzw. noch weiter gesteigert. Diese Akzentuierung nützt sich allerdings schnell ab, wenn sie dauernd gespielt wird. Vielmehr sollten meiner Meinung nach Mehrfach-Slaps gezielt für Intros, Bass-Soli, einzelne Phrasen udgl. eingesetzt werden. Natürlich kann auch einmal ein Kontrabass durch den ganzen Song durchknattern, wenn das so gewollt ist…

Alle Klarheiten beiseitigt?

Wie also halten die einen ihren Beat, während die andern ihm zeitversetzt folgen? 

Manchmal wippen Solomusiker, die eine Melodie- oder Begleitstimme spielen, mit dem Fuß den von der Rhythmusgruppe vorgegebenen Beat mit um „gegen ihn“ anzuspielen. Manche zählen im Kopf mit (was aber die Konzentration auf andere Dinge einschränkt), manche haben Blickkontakt bzw. achten auf die Bewegung, nicht den Ton des anderen. 

Idealerweise kennen alle Beteiligten den jeweiligen Song sehr gut und wissen welches Feeling er haben soll und welche Aufgabe ihnen dabei konkret abverlangt wird. Nichts ist öder als eine Band die jeden Song irgendwie gleich spielt.

Im Grunde erzählt jeder Song nicht nur im Text, in der Melodie und Harmonie sondern auch im Rhythmus eine Geschichte. Er kann den Druck einer schneller werdenden Dampflok haben, den sich langsam angleichenden Schlag zweier Herzen, die geschmeidigen Bewegungen zweier Liebenden oder er zieht wie eine chain-gang (eine Kolonne von arbeitenden Gefangenen) die angekettete Fußreihe hinter sich her.

Womit wir wieder bei der Frage angekommen sind, ob der Shuffle maschinell erzeugbar ist. Das Wechselspiel der Musiker*innen untereinander, der Rhythmus, der (ur-)menschliche Lebenserfahrungen beinhaltet, die Stimmungen, die Tagesverfassung, die körperliche und geistige Verfassung der Ausübenden und vieles mehr, was die musikalische Darbietung beeinflußt – all das widerspricht dieser Annahme.

Es gibt nicht die Formel, die eine Regel, die angewendet werden muss damit all das funktioniert. Natürlich, je besser, je geübter, je eingespielter Musiker*innen sind, desto leichter fällt es ihnen ein gewisses Können aus dem „eff-eff“ abzurufen. Aber diese auf den Blues (und noch weiter) zurückführende organische Spielweise bleibt gerade wegen der oberflächlich betrachtet sehr einfach gestrickten Musikform jedes mal auf´s Neue eine gemeinschaftliche Expedition ins Ungewisse.

„To shuffle“ bedeutet ja übersetzt entweder das Mischen von Karten oder der „schlurfende“ Gang. Eine kleine beabsichtigte „Schleisigkeit“ – wie man es im Wienerischen ausdrücken würde.

Was soll´s. Am Ende ist es einfach learning by listening and doing. 

Klar wird aber aus dieser Betrachtung, dass Rockabilly nur als Band-Musik mit gut eingespielten und/oder entsprechend erfahrenen Leuten funktioniert, die bereit sind sich aufeinander einzustellen. Ob sie sich der Sache nun theoretisch bewußt sind oder einfach nur machen – aus dem Gefühl heraus.

Apropos Herzschlag: die natürlichste Form des Shuffles ist der Herzschlag: Ein Herz schlägt ja nicht tak-tak-tak-tak sondern tatag, tatag, tatag, tatag… Und je nach Anstrengung oder Erregtheit kann dieser Herzschlag mal schneller (und die Synkope kürzer), mal langsamer werden.

(Admin)

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