Dr. Albert Pressler´s Therapiesitzungen (5)

Immer wieder wenden sich Rockabilly-MusikerInnen hilfesuchend an mich. Zuletzt scheint dies häufiger der Fall zu sein.

5. und letzte Sitzung.

Wie sieht die Zukunft der Musik in der "Musik -Weltstadt" Wien aus? Bild: Lenz-Terzett, 1909 (pinterest).
Wie sieht die Zukunft der live-Musik in der „Musik -Weltstadt“ Wien aus? Bild: Lenz-Terzett, 1909 (pinterest).

Was nun?

Wo es genau hingehen wird kann ich Ihnen nicht beantworten. Sehr wohl aber, was wir meiner Meinung berücksichtigen sollten, damit es wieder besser, anders, werden kann.

Diese Beiträge richten sich – nicht ganz ohne Selbstkritik – an die Musiker*innen, aber ebenso all jene, denen es wichtig ist, dass Rockabilly als Kultur wieder in frischem Glanz erstrahlt. Sie richten sich an jene, die sich für die Erhaltung eines kulturellen Lebens in dieser Stadt verantwortlich fühlen. Sie richten sich natürlich nicht zu letzt an die Liebhaber*innen dieser Musik, in Musikerkreisen (ob zahlreich anwesend oder nicht) gemeinhin „Publikum“ genannt.

Sie richten sich wohl auch – auch wenn diese gerade mit anderen Problemen beschäftigt sind – an Lokalbetreiber*innen bzw. Veranstalter*innen. Viele Lokalbetreiber interessierten sich vor der Pandemie kaum noch für live-Musik. Falls doch, dann dachten sie (mit wenigen Ausnahmen) selten daran, dass Musik auch bezahlt werden muss. Und nicht alleine die Musiker*innen für die Herbeischaffung des Publikums zuständig sind, sondern schon vor allem der/die Veranstalter*in. Viele fanden es besonders schlau ein Lokal nur als Immobilie zu betrachten, die gelegentlich an Musikschaffende vermietet werden kann. Manche waren plötzlich völlig überfordert vom musikalischen Angebot und konnten nicht mehr selbst entscheiden, was eine gute oder schlechte Band ist.

All das hat mit der schon genannten Form der Digitalisierung zu tun, aber natürlich auch dem damit zusammenhängenden Verhalten des Publikums. Einfach mal mit Freund*innen in einer Lokal gehen, ein paar Gläschen trinken und einer Band richtig zuzuhören, dort ein wenig Anteilnahme zu zeigen oder gar dazu zu tanzen wurde über die letzten Jahre offenkundig schwieriger. Ehrlich, wann haben Sie das letzte mal eine Platte von Anfang bis Ende angehört? Wann einer Band live beim spielen zugeschaut – Mega- oder Gratisevents ausgenommen?

Mal schauen, was sich nach dem Ende der Beschränkungen im Kulturbetrieb ändern wird. Durchaus denkbar, dass es wieder eine Aufwallen von Fortgehkultur und Live-Musik geben wird.

Viel wird über die Unternehmer*innen gesprochen, die sich mit geringen staatlichen Beihilfen und (nur aufschiebenden) Stundungen durch die Pandemie g´fretten müssen. Manche sprechen von den Kunstschaffenden, die (statistisch in den wohl meisten Fällen ohne finanzielle Zuschüsse) zu Hause hocken bzw. im Supermarkt Regale einschlichten müssen statt auf einer Bühne zu stehen. Und es dreht sich nicht nur um die finanziellen Fragen: Es geht um die fundamentale Frage ob Kunst (ja, ein großes Wort, auch die „kleine Kunst“ ist eine) unter die Menschen gebracht werden kann oder nicht. Davon lebt die Kunst.

Sehr wenige sprechen von den tausenden Arbeiter*innen – Kellnerinnen, Putzmänner, Roadies, Garderobiers, Kartenabreisserinnen… – die im und vom Nacht- und Kulturleben meist schlecht bezahlt gelebt hatten und jetzt oft völlig ohne Perspektive da sitzen. Es soll mal erwähnt sein, der Vollständigkeit halber.

(hier ein Link zu den diversen Covid19 Unterstützungen für Kulturschaffende, Anm. Admin)

Ja, auch die an die Musikschaffenden angrenzenden Berufsgruppen im Showgeschäft (wie Djs z.B.) und andere Musikstile hatten es zuletzt nicht leicht gehabt. Unter Tontechniker*innen kursierte schon vor der Pandemie das Gerücht, es ließe sich in Österreich mit der Vertonung von Porno-Filmen wesentlich mehr Geld verdienen als mit Musikproduktionen. Die Tontechniker haben also noch eine andere Existenzmöglichkeit. Musiker*innen können sich bis zu einem gewissen Grad hinsichtlich Musikstil und Darbietungsform verbiegen. Aber irgendwo gibt es Grenzen der Biegbarkeit. Oder ist ist dann eben nicht mehr das drin was drauf steht.

hier spricht doch nicht die Jazz-Polizei

Es geht mir nicht darum sagen, dass es „verboten“ sei exzessiv Social-Media-Kanäle zu benutzen, oder hinsichtlich Besetzung, Stilistik, Auftrittsformen oder neuen technischen Möglichkeiten zu experimentieren. Solange daneben die klassischen Formen der Musikdarbietung und -verbreitung auch noch weiterexistieren können – d.h. auch aktiv am Leben erhalten werden. Und damit auch die klassische Form des Rockabilly an und für sich weiterexistiert. Nischen- oder Subkultur funktioniert nicht, wenn einfach nur passiv konsumiert wird. Schon gar nicht als Wisch-und Weg(werf)-Produkt. Weil von selbst gibt´s keine Kultur. Kunst kann vielleicht einer alleine schaffen (wobei gegenseitige Inspiration auch nicht so unwesentlich ist), Kultur nicht. Die entsteht nur aus – kollektivem – menschlichem Handeln bzw. Zusammenwirken.

Der Plan?

Planbarkeit für „Musik-Karrieren“ gab es schon vorher kaum. Ebensowenig im Bereich des v.a. mittleren und kleineren Veranstaltungswesens. Es gab ja auch in den vergangenen Jahren immer wieder mal gute Einzelaktionen und sogar Veranstaltungsreihen im Bereich des Rockabilly/RocknRoll. Es würde Bücher füllen zu hinterfragen, warum diese in Wien mittel- und langfristig immer wieder gescheitert sind.

Ich denke die Strategie muss trotz allem Aktion sein, nicht Reaktion. Statt zu warten und zu hoffen, dass unser Stil wieder mal von der Kulturindustrie populär gemacht wird, von Möchtegerngeschäftsleute zum neuerlichen kommerziellen Ausschlachten herangezogen wird, von der Politik als besonders förderungswürdig erachtet wird oder sich an dem jeweils aktuellsten Trend der Hipness anzubiedern sollten wir – all jene, die diese Musik lieben – gerade nach dieser ganzen Lock-Downerei damit beginnen, uns mehr um die Schaffung und Erhaltung von Rahmenbedingungen zu kümmern in denen diese Subkultur am Leben erhalten werden kann. Dazu bedarf es Zusammenarbeit. Respektvoll, auf Augenhöhe. Und Konsequenz und Ausdauer.

Oft unterschätzt: Die Strategie der Schnecke. (Bild: freeimages.com)

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Es gibt sie noch, die Leute, die diese Musik mögen. Es gibt sie noch, die Leute, die diese Musik machen. Und unsere Musik hat immer noch diese magische Kraft auf alle jene die sie zum ersten mal live hören. Sie „funktioniert“ einfach.

Wir können die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen nur im geringen Masse beeinflussen und die technologischen Entwicklungen nicht aufhalten. Aber wir können uns überlegen wie, ob und wofür wir sie nützen. Es geht nicht um entweder das eine oder das andere, sondern dass vieles bestehen können muss. Es geht darum, der Vereinheitlichung und dem technologischem und wirtschaftlichen Totalitarismus – mit der aktuellen Pandemie(bekämpfung) noch einmal auf eine absurde Spitze getrieben – andere Formen der Kultur(vermittlung) entgegenzuhalten.

Vieles von dem was es schon mal gegeben hat wird vermutlich – nicht zuletzt auf Grund der aktuellen Pandemie und Wirtschaftskrise wieder aktuell werden. Musiker*innen brauchen physische Tonträger, aber auch immer mehr Musikliebhaber*innen wollen sie wieder. Magazine (online und in Papierform) bündeln Informationen und geben Anregungen um Entwicklungen bewerten und einordnen zu können. Einschlägige (nicht beliebige) Musiklokale und Clubs (auch im Sinne der englischen Clubs – also Kulturvereine) fokussieren auf bestimmte (Sub)Kulturbereiche und fördern sie. Musiker*innen machen bessere Musik, wenn sie sich bemühen Bands dauerhaft zu halten, ihre eigene sozialen Kompetenzen schärfen – aber auch solche von ihren Mitmusiker*innen einfordern – und sich v.a. mit dem Schaffen, Einüben und Arrangieren von Musik beschäftigen. Anstatt mit dem Produzieren von sinnlosem Datenmüll – um nur ja nicht in Vergessenheit zu geraten.

Ja, und Bands profitieren auch davon, wenn andere genre-gleiche Bands Erfolg haben. Oder umgekehrt ausgedrückt: Am Ende hat niemand was davon der Platzhirsch, der Beste oder die Einzigste zu sein, wenn es sonst niemand mehr gibt, den es wirklich interessieren könnte. Weil die Subkultur, der man/frau einst entkroch, längst verstorben bzw. eine tote Hülle ist.

Sorgen wir dafür, dass unsere Musik nicht in Vergessenheit gerät auf eine Weise die ihr würdig ist.

Aber es wird nicht ohne die Konsument*innen – an dieser Stelle besser „Liebhaber*innen“ genannt – dieser Musik gehen. An ihnen liegt es, sich wieder aktiver und selbsttätiger zu Interessieren was Rockabilly-mässig so läuft. In Plattengeschäften und Musik-Lokalen nach Rockabilly-Bands zu fragen. Vielleicht einen Kulturverein/Club mit zu gründen, ihm beizutreten bzw. zu fördern, zu Veranstaltungen zu gehen, Freund*innen mitzunehmen, dort Platten zu kaufen …

Klar, wir können nach der Pandemie einfach da weitermachen wo wir aufgehört haben. Aber seien wir uns ehrlich, wir waren schon lange davor mit dem Aufhören beschäftigt.

Hätten wir in der Vergangenheit nicht öfter anders abbiegen sollen? Und warum denken so viele falsch abgebogen zu sein, aber in Zukunft wieder nicht richtig abbiegen zu können? Warum nicht mal richtig abbiegen?

Denken Sie darüber nach empfiehlt Ihr Dr. Albert Pressler, und wie mein Freund Stefan Zweig (angeblich) zu sagen pflegte: Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.

Ihr halbwilder, halbgebildeter und halbwahnsinniger und nun in innerer Zufriedenheit sterbender

Dr. Albert Pr….. argh….

(Bild: cadenza-productions.nl)

P.S.

Ein hoffentlich nicht letztes Wort:

„Wer Kunst versäumt, verschenkt nicht nur einen wichtigen Teil seines Lebens, sondern leistet auch Vorschub für eine Veränderung der Gesellschaft, die meistens mit Blutvergießen einhergeht. Der Mensch braucht Kunst, nicht zur Unterhaltung – da kann er auch zum Pferderennen gehen -, sondern weil sie ein Teil seiner selbst ist. Und wenn er sie nicht kriegt, versucht er sie irgendwie zu ersetzen – oft durch Gewalt.“

(Georg Kreisler)

(Albert)

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